Im Zuge des Alleinelebens bemerke ich jetzt, wie sehr ich in der jüngeren Vergangenheit Kompromisse eingegangen bin, die reines inneres Richten waren. Nicht immer war die Beziehung mit M. so gewesen, aber im Laufe der Jahre hatte sich bei mir der Fehler eingeschlichen, der darin besteht, falsche Kompromisse einzugehen. Eine Konsequenz war dann gewesen, dass ich “Beziehung” automatisch als “einengend durch zu viele Kompromisse” empfunden hatte, und immer mehr dazu neigte, “Beziehung” per se in Bausch und Bogen zu verurteilen.
Dabei liegt das Problem eben nicht in der Tatsache, eine Beziehung zu führen. Ganz im Gegenteil: Tatsächlich beginnt bereits mit der ersten Kontaktaufnahme mit einem Menschen - und zwar egal mit welchem Menschen - eine Beziehung, die streng genommen erst mit dem Tode endet. Das geht gar nicht anders, und ist auch völlig in Ordnung so. Es bedeutet nämlich nichts anderes, als dass man sich auf den anderen einschwingt indem man sich selbst öffnet und mit der eigenen Energie einbringt. Ohne Beziehung gäbe es keine Kommunikation zwischen den Menschen, die über small-talk hinausginge. Das ist wie beim Tanzen, wo eben auch eine “Beziehung” zwischen den Tänzern existiert, also ein Zusammenspiel, das aber harmonisch ist - und nur deshalb harmonisch ist, weil jeder sich selbst, so wie er ist, einbringt.
Das Problem beginnt dann, wenn man sich nicht mehr selbst einbringt, sondern beginnt, sich nach dem anderen zu richten. Das ist dann der Punkt, wo die eigene Energie zurückgesteckt wird, und sogar verkümmern gelassen wird. Erreicht wird dieser Punkt durch das Eingehen von Kompromissen, die ich hier “innere Kompromisse” nenne. Ich gebe mich dann selbst auf, beginne auf den Partner zu schauen, und vergesse mich dabei selbst. Das ist ungesund. “Äußere Kompromisse” dagegen sind da völlig anders: Es sind Kompromisse, die notwendig sind, vom Umfeld, in dem man sich bewegt vorgegeben. Man passt sich den Umständen an, weil es die Situation erfordert, ohne dabei aber die eigene Inspiration, die eigene Motivation zu vergessen. Das ist dann wie die Musik, nach der die Tänzer sich richten, ohne dabei die Aufmerksamkeit von der eigenen Bewegung zu lösen.
Schaue ich jetzt auf die zwölf Jahre mit M. zurück, so fällt mir auf, dass das Erreichen jenes Punktes, an dem ich begann, diese inneren Kompromisse zu schließen, von einem Gefühl des Unwohlseins begleitet worden war, welches ich aber nicht wahrhaben wollte. Damit einher ging dann auch der zunehmende Hang, mich von Oberflächlichkeiten ablenken zu lassen (Auch das fällt mir jetzt auf, etwa in der Tatsache, dass ich mich über die ganze Politik weniger aufrege. Ich nehme sie zwar noch zur Kenntnis, benutze sie aber nicht als Gefühlsventil, wie früher hin und wieder.).
Diese Verwechslung zwischen innerem und äußerem Kompromiss ist wohl stets ein ganz schmaler Grat, den ich in meiner Bequemlichkeit - denn dies war meine Hauptmotivation für die Verleugnung der Lage gewesen - allzu gerne übersah.