Haiku

Juli 29th, 2010

Im trockenen Gras
unter dem schattigen Baum
vom Wind gestreichelt

Der eifersüchtige Verstand

Juli 29th, 2010

Anhand von Kontakten mit reinen Verstandesmenschen wie etwa mit H. kann ich dann auch klar sehen, wie er funktioniert, der Verstand (und zwar bei mir selbst genauso wie bei anderen):

Was er nicht fassen - d.h. einordnen - kann, das versucht er zu diskreditieren. Das geschieht dann vor Allem bei solchen Themen, bei denen das direkte Erleben durch keine Theorie oder sonstige Spinnerei zu ersetzen ist, wo also ohne die eigene Erfahrung noch nicht einmal die Illusion von Verständnis möglich ist. Solche Erlebnisse sind häufig daran erkennbar, dass sie dem Verstand im ersten Moment unverständlich, widersprüchlich und verrückt vorkommen. Je nachdem, wieviel Macht der Verstand über den Menschen hat, kann dann folgender Film ablaufen:

Dieser Verstand, der sich selbst so gerne Offenheit, Schöpferkraft und Phantasie bescheinigt, wird dann unsicher und entlarvt sich in seinem Bemühen, nicht die Kontrolle zu verlieren, ganz klar als das, was er wirklich ist: ein kleinkarierter, verbiesterter Zensor, der jegliche Freiheit des Erlebens von vornherein zu ersticken versucht, weil für ihn nicht sein kann was nicht sein darf. Er ist ein Diktator, der eifersüchtig über die Wahrnehmung wacht, auf dass sich ja nichts einschleichen möge, das womöglich die eigenen Konzepte in Frage stellen könnte.

Das geht natürlich nicht immer, da er die direkte Wahrnehmung nur unter großem Energieaufwand und auch dann nur zum Teil unterdrücken kann. Passiert es dann doch, dass unerwünschte, d.h.: ungefilterte Wahrnehmung von Informationen stattfindet, die seine Schemata gefährden, dann gebärdet er sich wie ein Kind, dem sein Lieblingsteddybär weggenommen worden ist. Dann setzen Aggressivität, Beleidigtsein und Zerstörungswut ein - in der Regel auf den vermeintlichen Ursprung dieses unzensierten und damit beängstigenden Erlebnisses in der äußeren Welt gerichtet.

Scheinbarer Widerspruch

Juli 28th, 2010

Gespräche wie das gestrige mit H. und F. besitzen vor Allem den einen Sinn, dass sie mir vor Augen führen, wie sehr sich meine Perspektive von der Alltagsperspektive der meisten Menschen unterscheidet, und wie wenig ich erwarten kann, damit verstanden zu werden - aber wie unwichtig das im Grunde genommen auch ist.

Konkret war es um das Thema “Liebe” gegangen, wobei ich zu einem Zeitpunkt äußerte, Liebe sei nur ein völlig ausgelatschter und verkitschter Begriff, der - vor Allem im Zusammenhang mit Sexualität - allzu oft dazu hergenommen wird, die Welt auf moralinsaure Weise in gut und böse zu unterteilen (”Sex ohne Liebe ist minderwertig” u. ä..). Zu einem anderen Zeitpunkt sagte ich dann, dass Liebe eine wertvolle Emotion sei, die den Menschen mit dem Leben in Kontakt bringe (”lieben” kommt von “leben”). Daraufhin wurde mir von H. der Vorwurf gemacht, ich widerspräche mir ja wohl offensichtlich selbst - nur um damit eigentlich zu sagen, dass ich ja wohl sowieso nur Schrott reden würde. Für ihn war ich an dieser Stelle dann wohl völlig unglaubwürdig geworden und damit diskreditiert.

Das Interessante an dieser Sache: In diesem Augenblick, als H. mir diesen scheinbaren Widerspruch vorwarf, verspürte ich in mir so etwas wie Freude aufkommen: Ja, stimmt, ich widerspreche mir! Im selben Moment fühlte ich mich dann auch befreit, und es ist auch spannend zu sehen, wovon ich mich befreit fühlte: Es sind die Fesseln der begrifflichen Schubladen, die ich nicht mehr mit mir herumtrage. Wenn man mir noch vor ein paar Jahren vorgeworfen hätte, ich würde inkonsistentes, widersprüchliches Zeug reden, dann hätte ich mich wohl dafür geschämt, und mich in der Folge darum bemüht, wieder Konsistenz herzustellen. Jetzt, an dieser Sache spüre ich, wie dumm und falsch diese Bemühung in Wirklichkeit gewesen wäre, und wie sehr ich mich dadurch selbst verbogen und verkrüppelt hätte.

Der Hund liegt nämlich darin begraben, dass nicht ich widersprüchlich bin, sondern die Worte, die ich gezwungen bin zu benutzen. Beide Aussagen in dieser Sache zum Thema “Liebe” kamen bei mir von Herzen und sind gleichermaßen wahr. Ein Widerspruch sind sie nur für den, der in theoretischen Schubladen denkt, in Worten also, bei denen ein Wort eine definierte Bedeutung zu haben hat, und bei denen die Vieldeutigkeit eines Begriffes nicht vorgesehen ist. Natürlich ist es vorteilhaft in klar definierten Begriffen zu sprechen, keine Frage, aber es gibt nun mal leider jede Menge Worte - und “Liebe” ist da ein ganz typisches Beispiel - die sich jeder einfachen Definition entziehen. Eigentlich bräuchte man hundertunddreizehn unterschiedliche Worte für “Liebe”, um der Sache einigermaßen gerecht zu werden.

Theoretiker, also Schubladenmenschen, unterliegen dann immer wieder der Versuchung, diese Vieldeutigkeit dadurch zu überwinden, indem diesem Begriff ein moralischer Beigeschmack verliehen wird “Liebe ist was gutes, schönes, reines” (obwohl eigentlich keiner so genau weiß, was damit gemeint ist) - basta; “Und was: Du kannst nicht sagen, was Liebe ist? Dann bist Du lieblos!”.

Dabei wäre die einzige richtige Herangehensweise in solch einem Falle doch die, jegliches theoretische Schwadronieren und Bewerten seinzulassen und sich nur noch auf das direkte Erleben zu konzentrieren, und - wenn man denn nun schon auf Worte angewiesen ist und kommunizieren möchte - diese Erlebnisse möglichst detailliert zu beschreiben. Denn tatsächlich wird bei derartigen Dingen sehr schnell der Punkt erreicht, wo es nur noch um das subjektive Erlebnis `en detail´ geht und um sonst gar nichts. Stattdessen werden dann aber große theoretische Pirouetten gelaufen und Reden geschwungen, unterfüttert mit berühmten Philosophen und so, mit nur dem einen Zweck, von diesem Erlebnis (oder dem Mangel an Erlebnis) abzulenken. Sogenannte Objektivität (die in Wirklichkeit gar keine ist, denn Abstraktion ist selten objektiv) ist hier aber fehl am Platze.

Ich versuchte dann auch in diesem Gespräch immer wieder in Erfahrung zu bringen, mit welchem selbst gemachten Erlebnis meine Gesprächspartner diesen Begriff denn nun in Verbindung bringen, stieß dabei aber immer nur auf den Beton des Theoretikers, der auf irgendwelche allgemein bekannten oder nicht bekannten Literaten und Philosophen verwies. An dieser Stelle war mir die Sinnlosigkeit dieses Gesprächs allerdings bereits völlig bewusst. Dennoch tat es mir gut und ich genoss es, denn ich begann zu verstehen, dass das, was die Welt mir als Widersprüchlichkeit und Inkonsistenz vorwirft, ihre eigene ist, die darauf beruht, dass sie nur aus Theorie und nicht aus echtem Erleben besteht. In diesem Moment fühlte ich mich dann auch überaus befreit und irgendwie leicht. Was andere an mir widersprüchlich finden mögen, ist in Wirklichkeit wesentlich konsistenter als das, was die meisten Menschen sich selbst vormachen.

Zu dieser Konsistenz gehört dann eben auch, mir in den Augen der Alltagswelt selbst zu widersprechen. Das ist dann nur ein äußerer - scheinbarer - Widerspruch, kein innerer.

Das Chamäleon

Juli 27th, 2010

Verschiedene Erlebnisse, gleiche Botschaft: Während der letzten Tage fiel mir immer wieder auf, wie sehr ich mich verändere, wenn ich mich mit Freunden und Bekannten treffe, wenn ich also mit anderen Menschen zusammen bin. Letztendlich ist das natürlich keine neue Erkenntnis, aber in dieser Intensität ist es mir schon lange nicht mehr bewusst geworden.

Das ist nicht weiter verwunderlich, geht doch in meinem normalen Arbeitsalltag ein menschlicher Kontakt nahezu nahtlos in den nächsten über. Da verschwimmt dann alles zu einer amorphen Suppe. Derzeit sind diese Kontakte dagegen eher wie Inseln in einer ansonsten eher einsam verbrachten Zeitspanne verstreut. Und gerade in dieser “einsamen” Zeit liegt der wahre Wert. Sie ist sozusagen die Leinwand, auf der diese Veränderungen erst sichtbar werden können.

Aber zurück zu diesen “Veränderungen”:

Immer wieder läuft es so ab, dass ich mich im Gespräch gefühlsmäßig auf die verschiedenen Menschen einlasse, und so etwas wie ihre eigene Stimmung annehme - oder zumindest eine Stimmung, die eine direkte Reaktion auf die Stimmung meines Gegenübers ist. Das fiel mir beim Abendessen mit H. und M. genauso auf wie beim eher zufälligen Treffen mit H., dem langen Telefonat mit A. usw..

So unterschiedlich all diese Menschen sind, so unterschiedlich sah ich mich selbst in den Momenten des Kommunizierens. Teilweise komme ich mir vor wie ein Chamäleon, das ganz automatisch die Farbe entsprechend seiner Umwelt wechselt. Das Chamäleon tut das ja, um von irgendwelchen Raubtieren nicht erkannt zu werden. Ist das bei mir ähnlich?

Der Verdacht liegt nahe, dass ich mich so sehr auf die verschiedenen Menschen einpendele, um nicht anzuecken. Passen würde es ja zu dem, was ich schon in der Vergangenheit immer wieder an mir beobachtete: Hang zur Gefälligkeit.

Schreiben als Wirkung

Juli 25th, 2010

Es ist immer wieder erstaunlich, wie das Schreiben selbst etwas bewirkt. Heute wachte ich auf, und erledigte wie von selbst eine ganze Reihe Dinge, die ich vor mir hergeschoben hatte - ganz unerheblich, wie “wichtig” oder “unwichtig” sie waren. Es passierte einfach.

Ich schiebe das ganz direkt auf den gestern verfassten Text. Es ist wirklich so, dass schon die einfache Benennung irgendwelcher Dinge, die in mir vorgehen, ganz automatisch etwas bewirkt. Es kommt mir vor wie das Licht einer Taschenlampe, das auf ein paar fröhlich in der Küche herumwuselnde Kakerlaken fällt, und sie vertreibt. Die Kakerlaken waren in diesem Fall meine Quälereien bezüglich “Energielosigkeit” und “Zeitmangel” - künstliche Artefakte, die nicht wahr sind.

Von daher ist es ja auch so wichtig, möglichst über das zu schreiben, was in mir selbst vorgeht, also über Dinge, die meine Person selbst sich als Erlebnis zurechtgezimmert hat. Würde ich über das Wetter schreiben, würde das wenig bewirken, denn es ist objektiv. Daran erkenne ich dann auch, was echt und was eingebildet ist: Das Echte bleibt durch das Schreiben unberührt.