Entwirrung durch Arbeit

Halsschmerzen hatten mich die letzte Nacht über geplagt, so dass ich äußerst unruhig geschlafen hatte. Entsprechend gerädert ging ich am Morgen zur Arbeit: schlapp und vor Allem durcheinander. Noch vor Unterrichtsbeginn hoffte ich, dass er bald vorüber sein würde, und hatte ein wenig Angst davor, wie ich die Zeit bis dahin bewältigen sollte. Nach den ersten vier Stunden hatte ich Pause, in der ich an die frische Luft ging und dort mit Erstaunen merkte, dass ja bislang alles gar nicht so schlimm gewesen war, wie befürchtet. Zwar fühlte ich mich immer noch schlapp und müde, aber die Verwirrung war wie fortgeblasen. Im Gegenteil: Meine Gedanken waren klar und scharf wie selten, zudem getragen von einem freudigen Gefühl.

Da fiel mir das Gespräch mit H. vor ein paar Tagen ein, in dem ich bereits auf eine ähnliche Sache gestoßen wurde, sie aber nicht wirklich weiterverfolgt hatte. Nun aber verstand ich ganz klar, worum es da gegangen war: H. hatte erzählt, dass bei seiner Tätigkeit gewisse Dinge oder Verhaltensweisen notwendig waren, die ihm früher aus einer persönlichen Anlage heraus eher schwer gefallen waren. Als er ihnen dann aber nicht mehr ausweichen konnte, merkte er, wie ihn genau das gestärkt und es ihm deshalb auch Freude bereitet hatte.

So etwas ähnliches bemerke ich auch bei meiner Tätigkeit, und an Tagen wie heute ganz besonders: Da erwächst mir eine Stärkung, die mich immer wieder von neuem erstaunt, und die letztlich daher rührt, dass ich über mich selbst hinausgewachsen bin - nicht, weil ich so ein toller Hecht bin, sondern weil ich muss, um zu bestehen.

Heute wurde mir dann auch anhand dieses Erlebnisses klarer, worin genau zumindest die eine Komponente besteht, die mich da stärkt, weil ich sie überwinde:

Beim Unterrichten bin ich gezwungen, meine Gedanken zu ordnen - ich der stets doch schon am Morgen gleich nach dem Aufstehen merkt, wie der innere Dialog erwacht und sich breitmacht. Im Unterricht muss ich diesen Dialog dann aber abschalten. Es geht gar nicht anders. Wenn ich einen einigermaßen komplizierten Sachverhalt einfach erklären soll, dann geht das nur, wenn jeder überflüssige Gedanke ausgeschaltet und das Gehirn auf Simplifizierungsmodus schaltet, also in eine Funktionsweise verfällt, in der alles überflüssige und blumige verhindert wird. Alles andere würde die Schüler verwirren und den Unterricht für alle Beteiligten zur Qual werden lassen.

Dieser Modus, in dem ich meinen Hang zur Grübelei überwinde, durchdringt mich dann aber dermaßen vollständig, dass auch andere Verwirrungen, die ich etwa von zuhause mitbringe, und die auch gar nichts mit dem Thema zu tun haben, ebenfalls aufgelöst werden. Nicht aufgelöst im Sinne von an der Wurzel hinterfragt, sondern einfach im Sinne von Besänftigung durch Austrocknung. So wie ein Tick wie Nasebohren dadurch nachlassen kann, dass er aus irgendwelchen Gründen eine Zeit lang nicht mehr praktiziert wird. So wurde heute dann auch die durch den schlechten Schlaf bedingte “Müdigkeitsverwirrung” während der Arbeit aufgelöst.

Eine Anmerkung zu “Entwirrung durch Arbeit”

  1. Morgenlektüre – Morgengefühle Says:

    [...] Beitrag “Entwirrung durch Arbeit” beschreibt die Erfahrung der inneren Sammlung, wenn eine Tätigkeit uns ganz fordert: keine [...]

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