Einschau Blog
Ungeduld
In diesen Tagen begegne ich wieder meiner alten
Bekannten, der Ungeduld.
Das äußert sich darin, dass ich eben noch Freude
darüber empfinde, nun dies oder jenes zu tun, mich im
nächsten Moment aber dabei erwische, wie ich mich
schlecht fühle (bis hin zu körperlichen Symptomen),
weil ich etwas anderes nicht gleichzeitig machen kann.
Es ist ein Gefühl des Verlorenseins in einem
Überangebot an Aktivität bzw. in dem Anspruch, alle
möglichen Dinge erledigen zu wollen. Das mündet dann
nicht selten in Verwirrung, Enttäuschung, Unwohlsein,
Frustration - alles aber unterschwellig, ohne dass es
ganz direkt greifbar wäre.
Ich nenne dies eine "alte Bekannte", denn so weit ich
mich erinnern kann, war ich bereits als Kind und
Jugendlicher so veranlagt - zumindest mehr als etwa
mein Bruder oder andere Kinder, mit denen ich zu tun
hatte. Und auch damals litt ich zeitweise darunter,
denn ich erfuhr durch diese Eigenschaft nicht selten
Ablehnung - ganz abgesehen von meiner eigenen
Aufgewühltheit und Frustration angesichts
irgendwelcher Dinge, die ich tun wollte, aber nicht
konnte.
Es läuft darauf hinaus, den Gegenspieler dieser
Ungeduld, die Geduld zu üben.
In diesem Sinne merke ich immer wieder (und so auch
jetzt, wo der Frühling beginnt), dass eine gute
diesbezügliche Methode das Gärtnern ist. Hier kann ich
durch nichts das Wachstum beschleunigen. Es ist wie es
ist. Mehr noch: Ich sehe ganz direkt die Schäden, die
ich anrichte, wenn ich getrieben von Ungeduld zu viel
des Guten tue. Da ist die Natur der perfekte
Lehrmeister.
Der Verstand
Vögel haben Flügel, damit sie fliegen können. Haie
besitzen nachwachsende Zähne, damit sie stets für
die Jagd bereit sein können. Stabschrecken besitzen
eine perfekte Tarnung, um im Dschungel zu bestehen.
Jedes Lebewesen besitzt eine besondere Eigenschaft,
die es befähigt, sein ganz besonderes Leben zu
führen.
Und was besitzt der Mensch?
Der Mensch besitzt seinen Verstand. Das stark
entwickelte Denken (und die damit eng verbundene
Sprache) ist das, was ihn von seinen planetaren
Mitbewohnern unterscheidet. Es ist kein
fundamentaler Unterschied, denn auch Tiere können
denken. Es ist eher ein quantitativer Unterschied:
Menschen denken mehr und intensiver als Tiere. So
wie etwa Menschen auch Zähne haben, aber eben nicht
so viele und so gute wie Haie.
Nun beobachte ich folgendes: Es gibt Strömungen,
vor Allem in der sich selbst so nennenden
"spirituellen" Szene, die dazu übergegangen sind,
den Verstand zu verteufeln. Er wird als Wurzel allen
Übels festgemacht, als Sündenbock für alles, was
schief läuft. Da wird an Techniken gefeilt, wie man
seinen Verstand ausschalten könnte, da werden
Situationen inszeniert, um den Verstand zu
diskreditieren, da werden Menschen ins Lächerliche
gezogen, die versuchen, ihren Verstand richtig zu
benutzen. Auch mich beeindruckten derartige Theorien
zeitweise. Schließlich bieten sie eine einfache
Lösung: Wenn etwas nicht so läuft wie gewünscht,
dann werfe ich es einfach weg.
Der Punkt ist jedoch: Kein Vogel käme auf die Idee,
sich die Flügel abzuschneiden, nur weil er einmal
aus Versehen gegen einen Baum geflogen oder falsch
gelandet ist. Kein Hai käme auf die Idee, sich die
Zähne ziehen zu lassen, nur weil ihm ein Opfer
entwischt ist. Jede Fähigkeit, die die Natur ihren
Geschöpfen (darunter auch uns Menschen) übereignet
hat, ist nicht perfekt, sondern soll geübt und ihr
Gebrauch verfeinert werden.
So auch der Verstand.
Ich habe mich in der Vergangenheit viel zu sehr mit
der Dümmlichkeit derer auseinandergesetzt, die den
Verstand als Fluch betrachten. Natürlich kenne ich
die Schleifen des Verstandes, seine
Selbstverstärkung bei sinnlosen Angelegenheiten,
sein Geblähtsein, seine Wichtigtuerei, seine
Irrwege. Aber gerade deshalb ist es wichtig, zu
lernen, meinen Verstand richtig zu
gebrauchen. Ansonsten werde ich nie ein
richtiger Mensch sein.
Was ist Freude?
Als wir vereinbart hatten, dass ich dieses
zusätzliche Arbeitspensum übernehmen würde, freute
ich mich darauf. Auf die neuen Erfahrungen, auf
die Abwechslung.
Als wir diese Vereinbarung nun bereits im Vorfeld
doch wieder strichen, weil die gesamten Umstände
sich geändert hatten, empfand ich wieder Freude.
Auf die gewonnene Zeit und die damit verbundenen
Möglichkeiten.
Es ist schon seltsam, das mit der Freude!
Traum vom Vertrauen
Ich befinde mich (zusammen mit M.) in einem
Flugzeug. Es ist kein gewöhnliches Flugzeug,
eher eine Wohnung, eine sehr große Wohnung.
Wir befinden uns auf einem Langstreckenflug,
der uns in ein fernes Land, zu einem neuen
Wohnort bringt. Wir sind die einzigen an Bord
und ganz auf uns alleine gestellt. Bei mir
stellt sich ein zwiespältiges Gefühl ein:
Es ist mir einerseits unwohl dabei, dass es
in dieser Situation nur uns und das Flugzeug
gibt, das selbstständig zu fliegen scheint.
Wir haben keine Möglichkeit, das Flugzeug zu
lenken oder zu beeinflussen.
Andererseits verspüre ich ein sehr tiefes
Urvertrauen, dass alles gut so ist, wie es
ist, und dass das Flugzeug uns sicher an
unseren Bestimmungsort bringen wird. Dieses
Urvertrauen erreicht seinen Höhepunkt, als ich
bemerke, dass wir bereits landen und aus dem
Fenster Lichter unserer Zielstadt erblicke.
Freude stellt sich ein.
...
Das Flugzeug steht für die "Reise des Lebens",
also für das Lebens selbst. Der Traum behandelt
das Thema der Angst angesichts von
Entwicklungen, die ich nicht beeinflussen kann,
die aber dennoch existenziell sind. Dazu zählen
etwa weltpolitische Verwerfungen, alltägliche
Bedrohungen bis hin zu gesundheitlichen Gefahren
wie Krankheiten und auch die Aussicht darauf,
alt und gebrechlich zu werden.
Die meisten dieser Dinge kann ich nicht
verändern oder beeinflussen. Deshalb ist es
müßig, dagegen anzukämpfen - und davor Angst zu
haben. Was mir bleibt, ist auf das Urvertrauen
ins Leben selbst zu setzen.
Der Niedergang einer Weltmacht
Geradezu im Zeitraffer kann man in diesen
Tagen den Niedergang der größten Weltmacht der
Gegenwart beobachten. Es ist eine wirklich
spannende Zeit!
Die Rede ist natürlich von den USA, die gerade
dabei sind, ihre Macht zu verspielen. Dies ist
vor Allem deshalb möglich, weil die
entscheidenden Akteure in diesem Land ganz
offensichtlich nicht verstanden haben, worauf
die Sonderstellung ihres Landes in der Welt
während der letzten Jahrzehnte wirklich
beruhte.
Offensichtlich wird da geglaubt, es wären in
erster Linie militärische und wirtschaftliche
Fähigkeiten gewesen, die den USA die
Vormachtstellung ermöglicht hätten. Und ja: In
gewisser Weise spielten (und spielen) diese
Dinge eine Rolle bei der Machtausübung. Aber
beide sind lediglich Werkzeuge und keine
Ursachen, beruhen sie ihrerseits noch auf
etwas ganz Anderem, viel Wichtigerem:
Seit Jahrhunderten waren die USA mit ihrem
Versprechen von Freiheit, Recht und Toleranz
der große Leuchtturm für alle Gedemütigten,
Verfolgten, Tyrannisierten aber auch
Kreativen, Unternehmungslustigen, Optimisten
dieser Welt. Sie zog es in die USA und sie
waren es, die mit Ihrer Begeisterung für diese
Gesellschaft dazu beitrugen, die amerikanische
Wirtschafts- und dann auch Militärmacht
aufzubauen.
Ebenso war es pure Sympathie für das
amerikanische Gesellschaftsmodell, welche die
USA zum Vorbild jener Leute in fast allen
Ländern der Welt werden ließen, die zwar nicht
dorthin auswanderten, jedoch die
amerikanischen Ideale in ihren jeweiligen
Ländern zu leben versuchten. Damit prägten sie
ihre Länder im amerikanischen Sinne.
Gleichzeitig verstanden es die USA stets, als
verlässlicher Vertragspartner zu gelten und
auf diese Weise Allianzen der Rechtmäßigkeit
zu schmieden - Allianzen, die es den USA
ermöglichten, den Planeten zu führen ohne ihn
zu kujonieren.
In dieser Weise ent- und bestand das amerikanische Imperium aus Menschen und Völkern, die den USA bzw. ihrem Gesellschaftsmodell aus Sympathie und Freundschaft folgten und es weitertrugen.
So, und nur so wurden die USA zur
Weltmacht.
Und das ändert sich gerade ganz gehörig:
Angeführt von einem überforderten Präsidenten
schlagen sich die USA derzeit auf die Seite
jener Länder, die mit Gewalt statt mit Respekt
"herrschen" wollen, mit Engstirnigkeit statt
mit Kompromiss, mit Angst statt mit Freude.
Zwar wird diese Strategie mittelfristig dazu
führen, dass die USA sich in irgendeiner
kriegerischen Art und Weise "mächtig" fühlen
dürfen, jedoch wird die wahre Basis des Landes
zerstört.
So spielen die USA ab jetzt in der Liga der
mittelmäßigen Wadenbeißer mit, die zwar viel
Schaden anrichten können, die aber keine
zivilisatorische Leuchtturmfunktion haben.
Und damit sind die USA in absehbarer Zeit
keine Weltmacht mehr.
Gefühle und Physis
Und da ist noch ein weiterer Elefant im
Raum:
Immer wieder erlebe ich es, dass irgendeine
körperliche Lästigkeit (wie z.B. letzthin
eine Krankheit) direkt meine Gedankenwelt
beeinflusst. Dann kommen pessimistische
Gedanken auf, ich mache mir Sorgen um dies
und jenes und gebe in der Folge auch
negative Äußerungen von mir.
Gleichzeitig beobachte ich auch, dass dieser
Veränderung der Gedanken in Wirklichkeit
etwas anderes voraus geht: eine Veränderung
meiner Gefühle. Pessimismus und Angst sind
ja primär Gefühle, keine Gedanken. Die
kommen erst danach, als "pessimistische
Gedanken", "Sorgen" usw..
Der springende Punkt dabei ist: Zuerst
kommen die Gefühle und dann kommen die
entsprechend eingefärbten Gedanken. Und den
Gefühlen wiederum ist die physische
Veränderung vorgeschaltet (Beispiel
Krankheit).
"Ich" bin bei dieser Betrachtungsweise eine
Abfolge von physischen Veränderungen,
dadurch ausgelösten Gefühlen und Gedanken,
die am Ende Taten bewirken können.
Gedanken sind Worte
Den gestrigen Eintrag muss ich
korrigieren bzw. ergänzen:
Gedanken sind Worte. Die Software meines
Verstandes ist die Sprache. Wenn meine
Gedanken sich auf sinnvolle Weise
entwickeln, dann bedienen sie sich der
Sprache. Aber auch wenn meine Gedanken
sinnlos kreisen, dann verwenden sie für
ihr Geplapper die Sprache. Ich kann sie
(z.B. beim Meditieren) als Worte
wahrnehmen. Und deshalb könnte man hier
einen neuen Begriff einführen:
Gedankenworte.
Diese Erkenntnis erscheint mit gerade wie
der Elefant, der im Raume steht. Die
einzige Unterscheidung, die es hier noch
gibt, ist die zwischen unausgesprochenen
Worten und ausgesprochenen Worten.
Letztere sind den Taten zuzuordnen,
erstere den Gedanken.
Die Korrektur sieht folglich so aus:
Gedanken und Worte sind das Gleiche. Sie
sind aus dem gleichen Holz geschnitzt: der
Sprache. Gedankenworte können Taten
bewirken. Taten sind dann umgesetzte
Gedankenworte.
Lüge
Gedanken werden zu Worten, Worte werden
zu Taten.
Taten sind materialisierte Worte, Worte
sind ausgesprochene Gedanken.
Lüge entsteht da, wo diese Abfolge aus
irgendeinem Grund gestört ist. Etwa weil
äußere Zwänge die Tat verhindern, weil
Mundverbote die Aussprache verunmöglichen,
weil eine Flut von Ablenkungen den
Gedankengang stört. Lüge heißt demnach
also gleichermaßen die Lüge des
Selbstbetrugs durch Gedanken, die Lüge
durch falsch verwendete Worte, die Lüge
der unreflektierten Tat.
Menschen, denen dies geschieht, sehe ich
immer besser an, wie es um sie steht. Das
betrifft Arbeitskolleginnen genau so wie
Präsidenten von großen Ländern, den Bäcker
an der Ecke oder einen so genannten
"spirituellen Lehrer". Ich erkenne
einfach, dass es da einen Knacks in der
genannten Abfolge gibt, offensichtliche
Widersprüche im Dasein.
Erkennen kann ich es nur deshalb, weil
diese störanfällige Abfolge auch in mir
selbst abläuft - inklusive eingebauter
Disharmonien, sprich: Lügen.
Ausmaß und Relevanz von Lügen
unterscheiden sich aber sehr von Tag zu
Tag und eben auch von Mensch zu Mensch.
Und diesen Unterschied sollte ich immer im
Auge behalten. Es ist nämlich durchaus
etwas anderes, ob mein Bankier
vertrauenswürdig ist (oder nicht) oder die
Sitznachbarin im Bus. Zumindest in der
Regel.
Buße
In dem Buch über den Talmud, das ich
gerade lese, wird immer wieder die
Notwendigkeit hervorgehoben, Buße zu tun.
Alte Bücher, altmodische Sprache.
Gemeint ist damit aber nicht, bei einem
Fehltritt in Sack und Asche zu gehen und
sich zu ducken wie ein geprügelter Hund.
Gemeint ist vielmehr, den Fehltritt
überhaupt als solchen anzuerkennen. Der
Rest, also das, was man Läuterung oder
Heilung nennen könnte, kommt von alleine.
Mitunter sogar im selben Augenblick.
Meister
Gestern lernte ich einen echten Meister kennen und bin sehr dankbar für diese Erfahrung. Bislang kannte ich lediglich einen anderen Meister, nämlich A..
Menschen dieser Art erkennt man daran, dass sie ihre Arbeit mit Ernsthaftigkeit angehen - und dass sie den anderen Menschen mit Brüderlichkeit begegnen ohne ihre Freiheit aufzugeben. Sie beherrschen sich selbst und wirken darin als Vorbilder. Sie sind lebendig durch und durch, und können lachen und schimpfen, dass die Wände wackeln - und alles dazwischen auch. Ihr Handwerk beherrschen sie perfekt - sei es als Elektroingenieur, Gärtner, Wirt.
Wie wohltuend anders sind sie als jene selbst ernannten Meister im Internet, die den Menschen dieses Planeten durch Eigenlob Kompetenzen vorgaukeln, ihnen Verhaltensweisen nahelegen und sogar politische Botschaften (zumeist autoritärer Natur) ins Ohr träufeln. Ich erkenne sie oft schon an ihrem hämischen Gehüstel, das sie selbst wohl als Lachen verstanden wissen wollen. Influencer.
In mir selbst erzeugt die Begegnung mit einem echten Meister die Rückbesinnung auf das Lebendige in mir - auf die Notwendigkeit mithin, keine Minute meines Lebens zu verschwenden.