Einschau Blog
Der Verstand
Vögel haben Flügel, damit sie fliegen können. Haie
besitzen nachwachsende Zähne, damit sie stets für die
Jagd bereit sein können. Stabschrecken besitzen eine
perfekte Tarnung, um im Dschungel zu bestehen.
Jedes Lebewesen besitzt eine besondere Eigenschaft,
die es befähigt, sein ganz besonderes Leben zu führen.
Und was besitzt der Mensch?
Der Mensch besitzt seinen Verstand. Das stark
entwickelte Denken (und die damit eng verbundene
Sprache) ist das, was ihn von seinen planetaren
Mitbewohnern unterscheidet. Es ist kein fundamentaler
Unterschied, denn auch Tiere können denken. Es ist
eher ein quantitativer Unterschied: Menschen denken
mehr und intensiver als Tiere. So wie etwa Menschen
auch Zähne haben, aber eben nicht so viele und so gute
wie Haie.
Nun beobachte ich folgendes: Es gibt Strömungen, vor
Allem in der sich selbst so nennenden "spirituellen"
Szene, die dazu übergegangen sind, den Verstand zu
verteufeln. Er wird als Wurzel allen Übels
festgemacht, als Sündenbock für alles, was schief
läuft. Da wird an Techniken gefeilt, wie man seinen
Verstand ausschalten könnte, da werden Situationen
inszeniert, um den Verstand zu diskreditieren, da
werden Menschen ins Lächerliche gezogen, die
versuchen, ihren Verstand richtig zu benutzen. Auch
mich beeindruckten derartige Theorien zeitweise.
Schließlich bieten sie eine einfache Lösung: Wenn
etwas nicht so läuft wie gewünscht, dann werfe ich es
einfach weg.
Der Punkt ist jedoch: Kein Vogel käme auf die Idee,
sich die Flügel abzuschneiden, nur weil er einmal aus
Versehen gegen einen Baum geflogen oder falsch
gelandet ist. Kein Hai käme auf die Idee, sich die
Zähne ziehen zu lassen, nur weil ihm ein Opfer
entwischt ist. Jede Fähigkeit, die die Natur ihren
Geschöpfen (darunter auch uns Menschen) übereignet
hat, ist nicht perfekt, sondern soll geübt und ihr
Gebrauch verfeinert werden.
So auch der Verstand.
Ich habe mich in der Vergangenheit viel zu sehr mit
der Dümmlichkeit derer auseinandergesetzt, die den
Verstand als Fluch betrachten. Natürlich kenne ich die
Schleifen des Verstandes, seine Selbstverstärkung bei
sinnlosen Angelegenheiten, sein Geblähtsein, seine
Wichtigtuerei, seine Irrwege. Aber gerade deshalb ist
es wichtig, zu lernen, meinen Verstand
richtig zu gebrauchen. Ansonsten werde ich nie
ein richtiger Mensch sein.
Was ist Freude?
Als wir vereinbart hatten, dass ich dieses
zusätzliche Arbeitspensum übernehmen würde, freute
ich mich darauf. Auf die neuen Erfahrungen, auf die
Abwechslung.
Als wir diese Vereinbarung nun bereits im Vorfeld
doch wieder strichen, weil die gesamten Umstände
sich geändert hatten, empfand ich wieder Freude. Auf
die gewonnene Zeit und die damit verbundenen
Möglichkeiten.
Es ist schon seltsam, das mit der Freude!
Traum vom Vertrauen
Ich befinde mich (zusammen mit M.) in einem
Flugzeug. Es ist kein gewöhnliches Flugzeug,
eher eine Wohnung, eine sehr große Wohnung. Wir
befinden uns auf einem Langstreckenflug, der uns
in ein fernes Land, zu einem neuen Wohnort
bringt. Wir sind die einzigen an Bord und ganz
auf uns alleine gestellt. Bei mir stellt sich
ein zwiespältiges Gefühl ein:
Es ist mir einerseits unwohl dabei, dass es in
dieser Situation nur uns und das Flugzeug gibt,
das selbstständig zu fliegen scheint. Wir haben
keine Möglichkeit, das Flugzeug zu lenken oder
zu beeinflussen.
Andererseits verspüre ich ein sehr tiefes
Urvertrauen, dass alles gut so ist, wie es ist,
und dass das Flugzeug uns sicher an unseren
Bestimmungsort bringen wird. Dieses Urvertrauen
erreicht seinen Höhepunkt, als ich bemerke, dass
wir bereits landen und aus dem Fenster Lichter
unserer Zielstadt erblicke. Freude stellt sich
ein.
...
Das Flugzeug steht für die "Reise des Lebens",
also für das Lebens selbst. Der Traum behandelt
das Thema der Angst angesichts von Entwicklungen,
die ich nicht beeinflussen kann, die aber dennoch
existenziell sind. Dazu zählen etwa weltpolitische
Verwerfungen, alltägliche Bedrohungen bis hin zu
gesundheitlichen Gefahren wie Krankheiten und auch
die Aussicht darauf, alt und gebrechlich zu
werden.
Die meisten dieser Dinge kann ich nicht verändern
oder beeinflussen. Deshalb ist es müßig, dagegen
anzukämpfen - und davor Angst zu haben. Was mir
bleibt, ist auf das Urvertrauen ins Leben selbst
zu setzen.
Der Niedergang einer Weltmacht
Geradezu im Zeitraffer kann man in diesen Tagen
den Niedergang der größten Weltmacht der
Gegenwart beobachten. Es ist eine wirklich
spannende Zeit!
Die Rede ist natürlich von den USA, die gerade
dabei sind, ihre Macht zu verspielen. Dies ist
vor Allem deshalb möglich, weil die
entscheidenden Akteure in diesem Land ganz
offensichtlich nicht verstanden haben, worauf
die Sonderstellung ihres Landes in der Welt
während der letzten Jahrzehnte wirklich beruhte.
Offensichtlich wird da geglaubt, es wären in
erster Linie militärische und wirtschaftliche
Fähigkeiten gewesen, die den USA die
Vormachtstellung ermöglicht hätten. Und ja: In
gewisser Weise spielten (und spielen) diese
Dinge eine Rolle bei der Machtausübung. Aber
beide sind lediglich Werkzeuge und keine
Ursachen, beruhen sie ihrerseits noch auf etwas
ganz Anderem, viel Wichtigerem:
Seit Jahrhunderten waren die USA mit ihrem
Versprechen von Freiheit, Recht und Toleranz der
große Leuchtturm für alle Gedemütigten,
Verfolgten, Tyrannisierten aber auch Kreativen,
Unternehmungslustigen, Optimisten dieser Welt.
Sie zog es in die USA und sie waren es, die mit
Ihrer Begeisterung für diese Gesellschaft dazu
beitrugen, die amerikanische Wirtschafts- und
dann auch Militärmacht aufzubauen.
Ebenso war es pure Sympathie für das
amerikanische Gesellschaftsmodell, welche die
USA zum Vorbild jener Leute in fast allen
Ländern der Welt werden ließen, die zwar nicht
dorthin auswanderten, jedoch die amerikanischen
Ideale in ihren jeweiligen Ländern zu leben
versuchten. Damit prägten sie ihre Länder im
amerikanischen Sinne.
Gleichzeitig verstanden es die USA stets, als
verlässlicher Vertragspartner zu gelten und auf
diese Weise Allianzen der Rechtmäßigkeit zu
schmieden - Allianzen, die es den USA
ermöglichten, den Planeten zu führen ohne ihn zu
kujonieren.
In dieser Weise ent- und bestand das amerikanische Imperium aus Menschen und Völkern, die den USA bzw. ihrem Gesellschaftsmodell aus Sympathie und Freundschaft folgten und es weitertrugen.
So, und nur so wurden die USA zur Weltmacht.
Und das ändert sich gerade ganz gehörig:
Angeführt von einem überforderten Präsidenten
schlagen sich die USA derzeit auf die Seite
jener Länder, die mit Gewalt statt mit Respekt
"herrschen" wollen, mit Engstirnigkeit statt mit
Kompromiss, mit Angst statt mit Freude. Zwar
wird diese Strategie mittelfristig dazu führen,
dass die USA sich in irgendeiner kriegerischen
Art und Weise "mächtig" fühlen dürfen, jedoch
wird die wahre Basis des Landes zerstört.
So spielen die USA ab jetzt in der Liga der
mittelmäßigen Wadenbeißer mit, die zwar viel
Schaden anrichten können, die aber keine
zivilisatorische Leuchtturmfunktion haben.
Und damit sind die USA in absehbarer Zeit
keine Weltmacht mehr.
Gefühle und Physis
Und da ist noch ein weiterer Elefant im Raum:
Immer wieder erlebe ich es, dass irgendeine
körperliche Lästigkeit (wie z.B. letzthin eine
Krankheit) direkt meine Gedankenwelt
beeinflusst. Dann kommen pessimistische
Gedanken auf, ich mache mir Sorgen um dies und
jenes und gebe in der Folge auch negative
Äußerungen von mir.
Gleichzeitig beobachte ich auch, dass dieser
Veränderung der Gedanken in Wirklichkeit etwas
anderes voraus geht: eine Veränderung meiner
Gefühle. Pessimismus und Angst sind ja primär
Gefühle, keine Gedanken. Die kommen erst
danach, als "pessimistische Gedanken",
"Sorgen" usw..
Der springende Punkt dabei ist: Zuerst kommen
die Gefühle und dann kommen die entsprechend
eingefärbten Gedanken. Und den Gefühlen
wiederum ist die physische Veränderung
vorgeschaltet (Beispiel Krankheit).
"Ich" bin bei dieser Betrachtungsweise eine
Abfolge von physischen Veränderungen, dadurch
ausgelösten Gefühlen und Gedanken, die am Ende
Taten bewirken können.
Gedanken sind Worte
Den gestrigen Eintrag muss ich korrigieren
bzw. ergänzen:
Gedanken sind Worte. Die Software meines
Verstandes ist die Sprache. Wenn meine
Gedanken sich auf sinnvolle Weise
entwickeln, dann bedienen sie sich der
Sprache. Aber auch wenn meine Gedanken
sinnlos kreisen, dann verwenden sie für ihr
Geplapper die Sprache. Ich kann sie (z.B.
beim Meditieren) als Worte wahrnehmen. Und
deshalb könnte man hier einen neuen Begriff
einführen: Gedankenworte.
Diese Erkenntnis erscheint mit gerade wie
der Elefant, der im Raume steht. Die einzige
Unterscheidung, die es hier noch gibt, ist
die zwischen unausgesprochenen Worten und
ausgesprochenen Worten. Letztere sind den
Taten zuzuordnen, erstere den Gedanken.
Die Korrektur sieht folglich so aus:
Gedanken und Worte sind das Gleiche. Sie
sind aus dem gleichen Holz geschnitzt: der
Sprache. Gedankenworte können Taten
bewirken. Taten sind dann umgesetzte
Gedankenworte.
Lüge
Gedanken werden zu Worten, Worte werden zu
Taten.
Taten sind materialisierte Worte, Worte
sind ausgesprochene Gedanken.
Lüge entsteht da, wo diese Abfolge aus
irgendeinem Grund gestört ist. Etwa weil
äußere Zwänge die Tat verhindern, weil
Mundverbote die Aussprache verunmöglichen,
weil eine Flut von Ablenkungen den
Gedankengang stört. Lüge heißt demnach also
gleichermaßen die Lüge des Selbstbetrugs
durch Gedanken, die Lüge durch falsch
verwendete Worte, die Lüge der
unreflektierten Tat.
Menschen, denen dies geschieht, sehe ich
immer besser an, wie es um sie steht. Das
betrifft Arbeitskolleginnen genau so wie
Präsidenten von großen Ländern, den Bäcker
an der Ecke oder einen so genannten
"spirituellen Lehrer". Ich erkenne einfach,
dass es da einen Knacks in der genannten
Abfolge gibt, offensichtliche Widersprüche
im Dasein.
Erkennen kann ich es nur deshalb, weil
diese störanfällige Abfolge auch in mir
selbst abläuft - inklusive eingebauter
Disharmonien, sprich: Lügen.
Ausmaß und Relevanz von Lügen unterscheiden
sich aber sehr von Tag zu Tag und eben auch
von Mensch zu Mensch. Und diesen Unterschied
sollte ich immer im Auge behalten. Es ist
nämlich durchaus etwas anderes, ob mein
Bankier vertrauenswürdig ist (oder nicht)
oder die Sitznachbarin im Bus. Zumindest in
der Regel.
Buße
In dem Buch über den Talmud, das ich gerade
lese, wird immer wieder die Notwendigkeit
hervorgehoben, Buße zu tun. Alte Bücher,
altmodische Sprache.
Gemeint ist damit aber nicht, bei einem
Fehltritt in Sack und Asche zu gehen und
sich zu ducken wie ein geprügelter Hund.
Gemeint ist vielmehr, den Fehltritt
überhaupt als solchen anzuerkennen. Der
Rest, also das, was man Läuterung oder
Heilung nennen könnte, kommt von alleine.
Mitunter sogar im selben Augenblick.
Meister
Gestern lernte ich einen echten Meister kennen und bin sehr dankbar für diese Erfahrung. Bislang kannte ich lediglich einen anderen Meister, nämlich A..
Menschen dieser Art erkennt man daran, dass sie ihre Arbeit mit Ernsthaftigkeit angehen - und dass sie den anderen Menschen mit Brüderlichkeit begegnen ohne ihre Freiheit aufzugeben. Sie beherrschen sich selbst und wirken darin als Vorbilder. Sie sind lebendig durch und durch, und können lachen und schimpfen, dass die Wände wackeln - und alles dazwischen auch. Ihr Handwerk beherrschen sie perfekt - sei es als Elektroingenieur, Gärtner, Wirt.
Wie wohltuend anders sind sie als jene selbst ernannten Meister im Internet, die den Menschen dieses Planeten durch Eigenlob Kompetenzen vorgaukeln, ihnen Verhaltensweisen nahelegen und sogar politische Botschaften (zumeist autoritärer Natur) ins Ohr träufeln. Ich erkenne sie oft schon an ihrem hämischen Gehüstel, das sie selbst wohl als Lachen verstanden wissen wollen. Influencer.
In mir selbst erzeugt die Begegnung mit einem echten Meister die Rückbesinnung auf das Lebendige in mir - auf die Notwendigkeit mithin, keine Minute meines Lebens zu verschwenden.